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Wolrabs Medaille auf den Entsatz von Wien

von Hertha Schwarz

Zu den schönsten, mit größter Meisterschaft ausgeführten Medaillen, die 1683 das Ende der zweiten Türkenbelagerung Wiens feierten, gehört sicherlich die von dem Nürnberger Goldschmied und Medailleur Johann (Hans) Jacob Wolrab geschaffene, im Durchmesser 64,7 mm große, in Silber wie auch in Bronze ausgeführte Medaille, die auf der einen Seite die ranghöchsten Fürsten der am 12. September geschlagenen Entsatzschlacht am Kahlenberg zeigt und auf der anderen Seite die Schlacht selbst.

Gorny & Mosch, Auktion 213 (2013), Nr. 4088; Dm 64,7 mm; 85,02 g, Silber.

Gorny & Mosch, Auktion 213 (2013), Nr. 4088; Dm 64,7 mm; 85,02 g, Silber.

Kara Mustafa, der Großwesir des osmanischen Sultans Mehmed IV. belegarte mit etwa 170.000 Mann seit dem 14. Juli 1683 Wien. Mit nur 15.000 Mann und unter dem Einsatz aller zivilen Kräfte gelang es dem kaiserlichen Feldzeugmeister Ernst Rüdiger von Starhemberg jedoch, die Stadt bis zum Eintreffen des deutsch-polnischen Entsatzheeres zu halten. Am 12. September erreichte dieses Heer endlich Wien.

Ein wahrhaft internationales Bündnis gegen die Osmanen

Es bestand aus der kaiserlichen Armee unter der Führung des kaiserlichen Generalleutnants Karl V. von Lothringen, den Truppen des sächsischen Kurfürsten Johann Georg III., dem Aufgebot des bayerischen Kurfürsten Maximilian II. Emanuel, den Reichstruppen des fränkischen und schwäbischen Kreises unter Feldmarschall Fürst von Waldeck sowie dem zahlenmäßig größten Kontingent des polnischen Königs und Großfürsten von Litauen Johann (Jan) III. Sobieski, der auch den Oberbefehl über die ganze Armee führte. Jan Sobieski standen in etwa 65 bis 83.000 Mann mit ca. 150 bis 179 Geschützen zur Verfügung.
Unterstützt wurde das Bündnis von Papst Innozenz XI. und der Republik Venedig, die auf der Peloponnes gegen die Türken kämpfte. Wenn es je ein europäisches Unternehmen über ethnische und konfessionelle Grenzen hinweg gegeben hat, das dieses Namen verdiente, dann war es der Entsatz von Wien 1683: Die Soldaten und die Offiziere des Heeres stammten aus dem ganzen deutschen Reich (Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation), da der Kaiser mit Ausnahme der kurfürstlichen Territorien, überall Soldaten anwerben durfte. Hinzu kamen noch die Soldaten aus den Erblanden der Habsburger, die nicht zum Reich gehörten, sowie die Hilfen aus Venedig und Spanien. Im polnischen Heer wiederum waren neben Polen und Litauer sogar Kosaken vertreten. Unüberschaubar war die Zahl der Adligen aus ganz Europa, die sich dem Kaiser zu Verfügung stellten; nicht wenige Franzosen setzten sich über das Verbot ihres Königs Ludwig XIV., des „allerchristlichen Türken“, wie er im Deutschen Reich genannt wurde, hinweg und traten in kaiserliche Dienste.

Detail des Revers mit der Stadtansicht Wiens und der näheren Umgebung: hinten rechts Wien mit Stephansdom und der Leopoldstadt, links der Kahlenberg.

Detail des Revers mit der Stadtansicht Wiens und der näheren Umgebung: hinten rechts Wien mit Stephansdom und der Leopoldstadt, links der Kahlenberg.

Wien im Detail

Hans Jacob Wolrabs Medaille zeigt auf der traditionell als Revers identifizierten Seite das befestigte und belagerte Wien bis auf die Höhe des Stephansdomes; im Hintergrund verschwimmt in der Ferne die Leopoldstadt und das Land östlich der Donau. Der markante, hochaufragende Turm des Stephansdomes trägt noch die alte Wetterfahne, den sog. Mondschein – eine Mondsichel mit einem Stern –, die nach dem Ende der Belagerung jedoch entfernt werden mußte, wurde sie doch nun mit dem türkischen Halbmond gleichgesetzt, mit dem man nach 1683 nur Tod und unendliches Leid assoziierte.
Gegenüber der belagerten Stadt am linken Bildrand, geographisch gesehen nördlich von Wien bei Nußdorf, erhebt sich der Kahlenberg.
Ein endloser Zug von Fußsoldaten mit wehenden Regimentsfahnen ergießt sich von seinen Hängen herab und stürmt auf die beiden aus je vier Geschützen bestehenden Batterien im Mittelpunkt des Medaillenbildes zu. Der osmanische Chronist der Belagerung Wiens berichtet, daß am Sonntag, den 12. September, „die Giauren (die Ungläubigen, d.h. die Christen, Anm. der Verf.) ... mit ihren Abteilungen auf den Hängen (auftauchten) wie die Gewitterwolken, starrend vor dunkelblauem Erz. Mit dem einen Flügel gegenüber den Walachen und Moldauern an das Donauufer angelehnt und mit dem anderen Flügel bis zu den äußersten Abteilungen der Tataren hinüberreichend, bedeckten sie Berg und Feld und formierten sich in sichelförmiger Schlachtordnung. Es war, als wälze sich eine Flut von schwarzem Pech bergab, die alles, was sich ihr entgegenstellt, erdrückt und verbrennt. So griffen sie an mit der eitlen Absicht, die Streiter des Islam von beiden Seiten zu umfassen.“

Detailansicht der Medaille mit den kaiserlichen und bayerischen Truppen, die die türkische Hauptstellung vor Wien erstürmen.

Detailansicht der Medaille mit den kaiserlichen und bayerischen Truppen, die die türkische Hauptstellung vor Wien erstürmen.

Ganz genau hingeschaut: Das Heer in Aktion

Im Vordergrund, gleichsam vor diese ‚Pechwalze‘ der Infanterie sprengen säbelschwingend Reiter ins Bild; ein großes, mit Halbmond bekröntes Zelt haben sie bereits überrannt und durch eine Pulverwolke hindurch setzen sie dem zu Pferde wie zu Fuß fliehenden Feind nach, hinweg über die Leichen der am Boden liegenden Gefallenen.
So wie die Aufstellung der kaiserlichen Truppen in den Berichten beschrieben wird, wären die Sachsen unter dem Kommando ihres Kurfürsten Johann Georg III. links hinten im Bild untermittelbar am Fuße des Berges zu sehen, wo sie als erste die Türken zurückdrängten. Die bayerischen Truppen unter der Führung ihres Kurfürsten Max Emanuel bildeten zusammen mit den anderen deutschen Kontingenten das Zentrum der Front; obwohl sie wegen des unwegsamen Geländes anfangs nur langsam vorankamen, erstürmten sie als erste die türkische Hauptstellung.
Im Medaillenbild ist dies wohl das Zeltlager bzw. die Zeltburg, die links und rechts von einer Batterie aus je vier Geschützen gesichert ist. Die Reiter ganz im Vordergrund der Medaille wären schließlich als die von Jan Sobieski geführte Kavallerie zu sehen, die direkt auf die heilige Fahne der Osmanen zuhielten und deren mit Wucht geführter Angriff ganz entscheidend zum Sieg beigetragen hat.

Unabhängige Bestätigung aus türkischen Quellen

Es ist ganz ausgeschlossen, daß Hans Jacob Wolrab den türkischen Bericht des Zeremoniemeisters gekannt hat, und trotzdem „liest“ sich sein Medaillenbild wie die wörtliche Inszenierung von dessen Worten: „Dann unternahmen die Giauren einen Sturmangriff und drängten die Unseren aus ihren Stellungen; darauf gingen die Unseren zum Gegenangriff über und trieben die Giauren wieder die Anhöhen hinauf. Schließlich stürmten die Giauren, das Fußvolk mit seinen spanischen Reitern (mobile Sperrvorrichtungen/Verhaue, Anm. d. Verf.) vorne und dahinter die Reiterei, wie wildgewordene Schweine auf die Unseren los und drängten sie bergab in das zerstörte Dorf (Nußdorf, Anm. der Verf.) hinunter. Dort ging der Kampf noch eine Zeitlang hin und her, und dann konnten die Schurken die in dichtgedrängten Massen anstürmten links und rechts durchbrechen und griffen nun die Streiter des Islams von allen Seiten an. Sie führten ihre Sahi-Geschütze (leichte Feldgeschütze, Anm. d. Verf.) aufgeprotzt mit und überschütteten aus ihnen das Heer des Islams mit einem Hagel von Geschossen. Am Donauufer warfen sie die Truppen, die unter dem Befehl des Wesirs Koca Arnaut Ibrahim Pascha standen, und drangen in das Tal und gegen das großherrliche Heerlager vor. ... Als nun die Truppen um den Großwesir sahen, wie der Feind auf beiden Seiten stürmend vordrang und das Heer des Islams sich zur Flucht zu wenden begann, da schwand jedem von ihnen die Kraft und die Lust zu Kampf und Streit und es stellten sich die Anzeichen jener Verwirrung ein, die immer eine Niederlage im Gefolge hat. ... Aber die Angriffe der Giauren wurden immer stärker, der Kampf nahm an Heftigkeit ständig zu und zog sich bereits fünf oder sechs Stunden hin; das Heer des Islams wurde von den Kugeln aus den Geschützen und Flinten der Feinde wie mit einem Regen überschüttet. Da erkannten die Muslime, daß alles verloren war und die Katastrophe nicht mehr abgewendet werden konnte. Kämpfend und fechtend wandten sich die Massen der Krieger in der Umgebung des Großwesirs zur Flucht; die meisten flohen geradewegs zu ihren Zelten hin und dachten nur noch daran, ihr Leben und ihre Habe zu retten.“

Ein Regenbogen überspannt die Kampfhandlung, darunter thront ein Adler mit Schwert und dem Wappen Wiens.

Ein Regenbogen überspannt die Kampfhandlung, darunter thront ein Adler mit Schwert und dem Wappen Wiens.

Mit Gottes Hilfe zum Sieg

Über die ganze Szenerie spannt sich vom Kahlenberg bis in das Land östlich der Donau ein Regenbogen, auf dessen Scheitel eine Taube mit einem Ölzweig im Schnabel sitzt; es ist nicht die Friedenstaube späterer Zeiten, sondern die Taube Noahs, die mit dem grünen Zweig die frohe Botschaft vom Ende der Sintflut überbringt. Unter dem Regenbogen, der in der christlichen Symbolik die Anwesenheit Gottes signalisiert, und dessen Weite mit seinen Schwingen ausfüllend, thront der einköpfige, bekrönte Adler mit dem Schwert und dem Wappen Wiens in den Fängen. Das ganze Bild wird von einem umlaufenden Band mit der Aufschrift WIEN DAS ADLER NEST SICH FREUET, DAS DER TÜRKEN HEER ZERSTREUET. DANCKE GOTT O CHRISTENHEIT umrahmt. Die Initialen des Künstlers – HIW – stehen auf einem Stein, ganz im Vordergrund der Szenerie.

Auf der Vorderseite sind die vier ranghöchsten Fürsten dargestellt, die an der Schlacht beteiligt waren. Sie danken betend für den errungenen Sieg.

Auf der Vorderseite sind die vier ranghöchsten Fürsten dargestellt, die an der Schlacht beteiligt waren. Sie danken betend für den errungenen Sieg.

Die christlichen Fürsten danken für den Sieg

Die Vorderseite zeigt die vier ranghöchsten Fürsten, die diese Schlacht geschlagen haben, vereint im Dankgebet.

Die Szene ist kein Gebet vor der Schlacht, sondern ein Dank für den Sieg. Das erkennen wir an dem im Staub liegenden Sultan (falls es nicht der Prophet selbst sein soll).

Die Szene ist kein Gebet vor der Schlacht, sondern ein Dank für den Sieg. Das erkennen wir an dem im Staub liegenden Sultan (falls es nicht der Prophet selbst sein soll).

Dass sie Gott bereits für seinen Beistand danken und nicht etwa erst seine Hilfe erflehen, ist daran erkennbar, dass der Name MAHUMED – sei damit nun der osmanische Sultan Mehmed IV. gemeint oder gar der Prophet selbst – im Staub, mit verdrehten Buchstaben unter dem Schwert und dem Säbel zu Füßen der Fürsten liegt, während diese ihre Augen nach oben zum strahlenbekränzten Namen Jesu gerichtet haben.

Die Fürsten im Detail von links nach rechts: Leopold I., Deutscher Kaiser und Erzherzog von Österreich; Maximilian II. Emanuel, Kurfürst und Herzog von Bayern; Johann Georg III., Kurfürst von Sachsen, und Johann (Jan) III. Sobieski, König von Polen und Großfürst von Litauen.

Die Fürsten im Detail von links nach rechts: Leopold I., Deutscher Kaiser und Erzherzog von Österreich; Maximilian II. Emanuel, Kurfürst und Herzog von Bayern; Johann Georg III., Kurfürst von Sachsen, und Johann (Jan) III. Sobieski, König von Polen und Großfürst von Litauen.

In vollem Ornat, von links nach rechts, trotz der gut erkennbaren Physiognomien noch durch ihre jeweiligen Wappen kenntlich gemacht, knien Leopold I., Deutscher Kaiser und Erzherzog von Österreich, Maximilian II. Emanuel, Kurfürst und Herzog von Bayern, Johann Georg III., Kurfürst von Sachsen, und Johann (Jan) III. Sobieski, König von Polen und Großfürst von Litauen.
Leopold und Jan Sobieski sind bekrönt, die beiden Kurfürsten tragen den Kurhut. Leopold und Max Emanuel haben ihre Handflächen zum Zeichen der Andacht aneinander gelegt, Johann Georg hingegen betet mit verschränkten Fingern, was ihn zu dieser Zeit als Protestanten kenntlich macht.
Während Leopold, Max Emanuel und Johann Georg ihre Hände zum Dankgebet erhoben haben, legt Jan Sobieski, als einziger der dargestellten Fürsten ohne Allongeperücke und Rüstung unter dem Ornat, die Rechte auf sein Herz, während er mit der Linken zum Bildrand zeigt. Es ist dies die typische Opfergeste, mit der Gott auf das dargebrachte Opfer aufmerksam gemacht wird, in diesem Falle auf die Verteidigung der Christenheit durch die siegreiche, auf dem Revers dargestellte Schlacht am Kahlenberg.
Auch dieses Bild wird von einer umlaufenden Aufschrift eingerahmt: WANN DIESE HELDEN SIEGEN SO MUS DER TÜRK ERLIEGEN, HUNGARN DER FRIED VERGNÜGEN, dazu im Bild die geteilte Jahreszahlt 1683. Die erhabene Randschrift der Medaille – Hans Wolrab soll als erster im Deutschen Reich die Rändelwerktechnik zur Fertigung erhabener Randschriften eingesetzt haben – ruft besonders Wien zur Dankbarkeit auf: WIENN BEDENCKE GOTTES GNAD * SO ER DIR ERWIESEN HAT * DANCKE IHM ALLZEIT FRÜE U(ND) SPATH.

Ein visionäres Medaillenbild

Dem von Hans Jacob Wolrab gestalteten Medaillenbild könnte man in der Rückschau fast hellseherische Kraft zuschreiben: Die Fluchtbewegung der Türken aus dem Medaillenbild heraus, nimmt symbolisch die ab 1683 erfolgende, sukzessive Verdrängung der Osmanen aus Ungarn und schließlich aus ganz Europa vorweg.
Im Verlauf der bereits 1683 einsetzenden Gegenoffensive wurde 1686 Ofen (Budapest) eingenommen, ein großes osmanisches Aufgebot 1687 bei Mohács geschlagen, 1688 wurde Belgrad erobert, 1689 drangen die kaiserlichen Truppen unter der Führung Ludwig Wilhelms von Baden-Baden, der bereits beim Entsatz von Wien dabei war, bis nach Nisch und Widin vor, 1691 schließlich fügte der Türkenlouis, wie der Markgraf von Baden-Baden genannt wurde, den Türken bei Slankamen eine so vernichtende Niederlage bei, dass die Türkengefahr im Osten für einige Jahre gebannt war.
Eugen von Savoyen-Carignan, der als Prinz Eugen in die Geschichte eingehen sollte, vernichtete 1697 vor den Augen des Sultans Mustafas II. bei Zenta an der Theiß schließlich fast ein ganzes osmanisches Heer. 1699 beendete der Friede von Karlowitz, in dem sich die Osmanen von einer christlichen Macht die Konditionen diktieren lassen mußten, den Großen Türkenkrieg, der 1683 mit der Belagerung Wiens begonnen hatte.
Ungarn war wiederhergestellt und bis auf das Banat im Südosten von der osmanischen Herrschaft befreit, und es war fester denn je in habsburgischer Hand, hatte der ungarische Reichstag doch nach der Schlacht bei Mohács 1687 die Erblichkeit der ungarischen Krone im Hause Habsburg anerkannt. Hier beginnt die Ausformung der österreichischen kaiserlich-königlichen Monarchie, die in den nächsten 200 Jahren die Geschicke Europas entscheidend bestimmen sollte.

Literatur:
R. Kreutel (Hrsg.), Kara Mustafa vor Wien. Das türkische Tagebuch der Belagerung Wiens 1683, verfaßt vom Zeremonienmeister der Hohen Pforte. Übersetzt, eingeleitet und erklärt von R. F. Kreutel (Graz 1955), bes. S. 106-111.
G. Gerhartl, Belagerung und Entsatz von Wien 1683 (Militärhistorische Schriftenreihe, Heft Nr. 46, Neudorf 1982).
K.-P. Matschke, Das Kreuz und der Halbmond. Die Geschichte der Türkenkriege (Düsseldorf 2004).

Im aktuellen MünzenWoche Spezial zur Numismata München lesen Sie einen ausführlichen Artikel „Medaillen auf die Siege Maximilian II. Emanuels von Bayern im Großen Türkenkrieg 1683-1699“.

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