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Stempelglanz – eine Frage der Definition?

von Ursula Kampmann

16. Oktober 2012 – Es ist immer gut, über Begrifflichkeiten zu sprechen, vor allem wenn verschiedene Welten aufeinander treffen, so zum Beispiel die Welt der Münzproduktion und der Sammler.
So lange es um die „Polierte Platte“ geht, auch Spiegelglanz genannt, ist es kein Problem. Dieser Begriff hat sich in den Auktionskatalogen vollständig etabliert, sogar wenn eine Polierte Platte gar keine Polierte Platte mehr ist, etwa weil ihr Besitzer sie aus der Plastikkapsel genommen hat. Dann ist es eben Stempelglanz aus Polierter Platte. Und da fängt jetzt das Problem an.

„Stempelglanz“ – so wurde es irgendwann einmal in einer Diskussionsrunde der Münzstätten festgelegt – entspricht dem englischen „Proof like“ oder „Semi-Proof“ und steht für Münzen mit mattiertem Motiv und Inschriften auf einem polierten Planum. Ganz klar und für jeden Münztechniker sofort einleuchtend und verständlich. Das Problem ist nur, dass Stempelglanz für einen Sammler gleichzeitig die oberste Stufe einer Erhaltung ist, also keine Herstellungstechnik impliziert.

Vergessen Sie nicht, Münzen werden in den meisten Fällen nicht nur einmal gekauft, sondern in einen unendlichen Marktkreislauf eingespeist. Wer heute eine Münze verkauft, will sie vielleicht in ein paar Wochen / Jahren / Jahrzehnten über eine Auktion oder das Internet wieder verkaufen. Um dies zu tun, muss er eine Standardbeschreibung machen. Diese Beschreibung umfasst das Land, das Nominal, die Jahreszahl, eine Beschreibung, ein Zitat, den Schätzpreis und – für den Käufer das Wichtigste – die Erhaltung.

Römischer Denar aus dem Jahr 162/3 n. Chr. mit deutlichen Spuren von Stempelglanz. Aus Auktion Künker 216 (2012), 1068.

Römischer Denar aus dem Jahr 162/3 n. Chr. mit deutlichen Spuren von Stempelglanz. Aus Auktion Künker 216 (2012), 1068.

In den rund 300 Jahren, in denen es einen organisierten Münzhandel gibt, haben sich in den meisten Sprachräumen feste Begriffe etabliert. Der deutsche Sprachraum unterscheidet zum Beispiel zwischen „Gut erhalten“ (etwa die Konsistenz einer Beilagscheibe), „Sehr gut erhalten“, „Schön“, „Sehr schön“ (ab hier fängt es an, sammelwürdig zu werden), „vorzüglich“ und – jetzt kommt’s – „Stempelglanz“. Stempelglanz oder auf Englisch und Französisch FDC (= Fleur de coin) umschreibt es, wenn an den Übergängen zwischen Relief und Planum noch leichte Fließlinien zu sehen sind, die beim Betrachten jenen magischen Glanz ausstrahlen, den eben nur eine wirklich perfekt erhaltene Münze haben kann. Stempelglanz gibt es für Münzen jeder Epoche – von der griechischen Antike bis heute. Jede Normalprägung, ob bankfrisch oder handgehoben, wird in einem Auktionskatalog als Stempelglanz bezeichnet. Und das bedeutet, dass Stempelglanz einem Sammler bei einer „neuen“ Münze eigentlich als selbstverständlich erscheint, und er gar nicht verstehen kann, warum er für diese „Herstellungsweise“ noch zusätzlich zahlen muss. Das Wort Stempelglanz ist also als verkaufsfördernde Beschreibung einer Herstellungsform nicht geeignet, es sei denn man möchte das Wort „Normalprägung“ umschreiben.

Und die Moral von der Geschicht’? Nun, Definitionen sind erst einmal per se frei, doch wenn man verstanden werden will, sollte man sich an den Sprachgebrauch der Gruppe anpassen, von der man verstanden werden möchte.

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